Was ist denn dieses auffallend blaue Ding?
Das ist der neue V60 von Polestar, jenem schwedischen Motorsportbetrieb, der längst bewiesen hat, dass er schnelle Rennwagen bauen kann.
Seit 1996 setzt Polestar mit Volvo-basierten STCC-Rennwagen auf Meisterschaftserfolge. In jüngerer Zeit sorgte das Unternehmen auch in Australien für Aufsehen, als es die Dominanz von Holden und Ford in der V8-Supercars-Serie durchbrach. Dieser V60 ist allerdings das erste vollwertige Serienauto für die Straße der schnellen Skandinavier.
Ist Polestar also ein Tuner?
Nicht ganz. Polestar lässt sich eher mit Alpina oder Brabus vergleichen: ein eigenständiges Unternehmen, das sich ausschließlich einer Marke widmet. Mittlerweile ist Polestar offiziell Volvos „Performance Partner“ – gewissermaßen eine Volvo-„M“-Abteilung, die dem Markenimage mehr Dynamik verleihen soll.
Ganz neu ist die Zusammenarbeit von Volvo und Polestar allerdings nicht. Zuvor entstanden zwei herrlich verrückte Hochleistungsstudien: der C30 mit 400 bhp und der S60 mit 500 bhp. Beide gefielen uns sehr, doch keiner von beiden war ein echtes Serienmodell.
Polestar V60: Motor und Fahrwerk
Welche Änderungen gibt es?
Wer bei diesem Polestar mit irren Leistungswerten wie bei früheren Projekten rechnet, wird enttäuscht sein. Am aufgeladenen Reihensechszylinder T6 des V60 wurde nur wenig verändert: Ein größerer BorgWarner-Twin-Scroll-Turbolader samt Ladeluftkühler kam hinzu. Dennoch holt der 3,0-Liter-Sechszylinder nun 350 bhp und 500 Nm Drehmoment heraus. Damit beschleunigt der V60 in 5,0 Sekunden von 0 auf 100 km/h und erreicht 250 km/h; die Kraft wird über ein Haldex-Allradsystem auf die Straße gebracht.
Sind 350 bhp für ein echtes Performance-Auto nicht etwas wenig?
Das ist eine mögliche Sichtweise, aber nicht jene von Polestar. Die Schweden sind überzeugt, dass ein Performance-Auto nicht allein von Leistung lebt: Entscheidend ist ebenso ein ordentliches Fahrwerk, das mit dieser Leistung umgehen kann.
Deshalb montierten die Ingenieure großformatige 20-Zoll-Räder mit Michelin-Pilot-Sport-Reifen, die auch Schwedens anderer Performance-Name Koenigsegg schätzt. Daran gekoppelt sind äußerst hochwertige, mechanisch einstellbare Öhlins-Stoßdämpfer. Sie sitzen an neuen oberen Aufnahmen vorne wie hinten und werden von einer vorderen Domstrebe aus carbonfaserverstärktem Material unterstützt. Eine ernsthafte Ausstattung, ganz ohne Zweifel.
Das neue Fahrwerk macht den Wagen gegenüber einem normalen V60 R-Design um beachtliche 80 Prozent steifer. Man könnte meinen, dass schon das erste Schlagloch die Wirbelsäule zerlegt, doch tatsächlich ist die Abstimmung ausgesprochen gelungen. Zwar straff, verarbeitet sie schlechte Straßen dennoch kultiviert und schluckt Unebenheiten, ohne harte Schläge bis ins Steißbein weiterzugeben. Dadurch lassen sich kurvige Strecken zügig angehen.
Der Polestar V60 auf kurvigen Straßen
Das klingt nicht nach etwas, das ein Volvo-Fahrer sagen würde ...
Dieser Wagen ist eben kein gewöhnlicher Volvo. Beim Drehen des Schlüssels entweicht aus den beiden Endrohren ein kerniger Auspuffsound. Auch Gaspedal und Lenkung wurden neu abgestimmt, weshalb sich die Bedienelemente des V60 engagierter anfühlen.
Seine eigentliche Stärke zeigt der V60 aber in Kurven. Große innenbelüftete Bremsscheiben vorne und Brembo-Sechskolben-Bremssättel sorgen für enorme Verzögerung. Der große Kombi bremst kraftvoll, sodass man spät in die Kurve hineinbremsen und ihn dann auf ausgesprochen untypische Volvo-Art hineinwerfen kann. Dank der kostspieligen Motorsport-Zutatenliste – dem gelungenen Fahrwerk, haftstarken Reifen und dem überarbeiteten Allradantrieb – fliegt man dabei nicht von der Straße.
Wer spektakuläre Drifts erwartet, sollte es vergessen: Der Allradantrieb macht da nicht mit. Dafür bleibt der V60 in Kurven bemerkenswert souverän, bietet reichlich Traktion und genügend Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen, um von Punkt zu Punkt richtig schnell zu sein.
Wo liegt also der Haken?
Sportlichkeit geht oft zulasten des Komforts, und leider konnte Polestar diese Regel nicht aushebeln. Die breiten Reifen neigen Spurrillen nachzulaufen und erzeugen bei Reisetempo ein Geräuschniveau, das selbst der große Auspuff nicht ganz überdecken kann.
Hinzu kommt das Getriebe. Polestar hat der trägen Sechsgangautomatik durch eine neue Software zu mehr Reaktionsfreude verholfen: Die Gangwechsel erfolgen härter und schneller, außerdem gibt es einen Launch-Control-Modus. Gegen ein richtiges Doppelkupplungsgetriebe wirkt sie aber trotzdem behäbig und sucht bei konstantem Gaspedalstand unangenehm oft nach dem passenden Gang.
Dezente Optik, hoher Preis
Er sieht trotzdem noch wie ein Volvo aus ...
Sportlich, aber zurückhaltend – so lautete die Vorgabe. Außen fallen ein markanter Frontspoileransatz und Heckspoiler, dezente Embleme sowie ein Heckdiffusor auf, der bei hohem Tempo Abtrieb und Stabilität verbessert.
Im Innenraum setzt sich die unaufdringliche Linie fort: Neue Sportsitze mit kräftigeren Seitenwangen, blaue Ziernähte als Kontrast zu grauem Alcantara und eine schwebende Mittelkonsole mit Carbonverkleidung prägen das Bild. Wem das zu zurückhaltend ist, wählt den auffälligen Polestar-Blau-Lack. Für einen Q-Car-Auftritt empfiehlt sich Schwarz.
Was kostet er?
£49,775. Das ist viel Geld und platziert den Polestar V60 etwas ungünstig zwischen Audi S4 und RS4. Immerhin ist der V60 bereits mit jeder denkbaren Sonderausstattung versehen. Da ein gewöhnlicher V60 mit dieser Ausstattung rund £46k kosten würde, erscheinen £4,000 Aufpreis für das Polestar-Paket angesichts der grundlegenden Veränderung des Fahrzeugcharakters beinahe günstig.
Polestar veredelt weltweit lediglich 750 S60 und V60. Davon kommen nur 125 V60 nach Großbritannien – einen S60 Polestar gibt es dort leider nicht. Die Seltenheit dürfte jedoch die Restwerte stützen.
Werden wir künftig mehr von Polestar sehen?
Ja, und das ist eine gute Sache. Als eigenständiges Unternehmen kann Polestar Volvo die Sicherheitsausstattung und Emissionsvorschriften im Werk überlassen, während man sich selbst in der Werkstatt mit dem Schnellermachen beschäftigt. Der V60 zeigt, dass Polestar ein Straßenauto abstimmen kann – her mit der Zukunft und weiteren aufregenden Volvos.






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