Über die Jahre hat uns Mazda immer wieder an mutige Entscheidungen gewöhnt. Beispiele gefällig?
Als sich sämtliche Hersteller von Wankelmotoren verabschiedeten, hielt Mazda an dieser Motorbauart fest – und schon bald soll ein neues Modell mit dieser Technik erscheinen.
Als die Branche zuletzt nahezu geschlossen den Hubraum ihrer Motoren verringerte, dem sogenannten Downsizing, schlug die japanische Marke ebenfalls einen anderen Weg ein: Sie vergrösserte den Hubraum ihrer Aggregate. Die Gründe für diesen Schritt wurden bereits in einem früheren Beitrag erläutert.
Zurück in der Gegenwart: Wenig überraschend wiederholt sich die Geschichte. Während fast die gesamte Autoindustrie das Ende der Verbrennungsmotoren verkündet, «lächelt» Mazda und stellt sich einmal mehr bewusst gegen den aktuellen Trend.
Die Investitionen in Verbrennungsmotoren gehen weiter
2023 bringt Mazda eine neue Motorenfamilie mit grossem Hubraum und sechs Zylindern in Reihe auf den Markt.
Sie haben richtig gelesen: sechs Zylinder und viel Hubraum. Einer dieser neuen Motoren arbeitet zudem nach dem Dieselprinzip – einer Technik, die insbesondere in Europa inzwischen einen schlechten Ruf geniesst.
Diese riskante Entscheidung der Marke aus Hiroshima war eines der Themen, die wir bei der Präsentation des neuen Mazda CX-60 besprochen haben. Dieses Modell ist das erste Fahrzeug, das auf die neue Motorenfamilie setzt.
Bei dieser Gelegenheit sprachen wir mit Joachim Kunz, Senior Manager Technical Development Co-Creation bei Mazda. Er erläuterte, weshalb die japanische Marke erneut von der vorherrschenden Richtung in der Automobilindustrie abweicht.
Verbrennungsmotoren: eine Kamikaze-Strategie?
Kamikaze – auf Japanisch «göttlicher Wind» – war die Bezeichnung für japanische Piloten im Zweiten Weltkrieg, deren Auftrag Selbstmordangriffe auf Schiffe der Alliierten waren.
Seither wird Kamikaze in zahlreichen Sprachen, auch im Portugiesischen, als Metapher für Menschen, Handlungen oder Vorgehensweisen mit potenziell verheerenden Folgen verwendet.
Mazda verwendet bekanntlich gerne japanische Begriffe für die Strategien seiner Modelle. Heute gibt es kaum jemanden, der noch nie vom Kodo-Design oder von der Jinba-Ittai-Philosophie der japanischen Marke gehört hat.
Sie ahnen wohl schon, worauf das hinausläuft …
Wir fragten Joachim Kunz, ob Mazdas Strategie angesichts der angekündigten Einschränkungen für Verbrennungsmotoren nicht etwas zu sehr nach Kamikaze klinge. Kunz lächelte über die Provokation, antwortete jedoch überzeugt.
Unsere Frage rief auch die Reaktion eines weiteren Mazda-Verantwortlichen hervor, der im Raum anwesend war und dem Gespräch aus etwas grösserer Entfernung aufmerksam folgte. Mit wenigen Worten fasste er die Stimmung innerhalb der japanischen Marke zusammen.
Am Tonfall der Verantwortlichen war deutlich zu erkennen, dass sie einerseits weiterhin Potenzial für die Weiterentwicklung und Effizienzsteigerung von Verbrennungsmotoren sehen. Andererseits sind sie der Ansicht, dass die vollständige Elektrifizierung des Fahrzeugbestands – in der von den europäischen Institutionen vorgesehenen Form und innerhalb der festgelegten Fristen – die Mobilität der Zukunft vor Herausforderungen stellen könnte.
Warum setzt Mazda auf Sechszylindermotoren?
Nachdem die grundsätzliche Strategie der Marke besprochen war – ob sie die richtige ist, wird erst die Zeit zeigen –, konzentrierten wir uns auf die technischen Fragen. Zunächst ging es um den Grund für die Reihensechszylinder.
Mazda hat stets Motoren mit grösserem Hubraum vertreten. Dafür gibt es eine bereits erläuterte Begründung: Grössere Motoren können thermodynamisch effizienter und damit umweltfreundlicher arbeiten.
Deshalb erhält der neue Skyactiv-X-Motor von Mazda sechs Zylinder und einen Hubraum von 3000 cm³ – also jene 500 cm³ pro Zylinder.
Es handelt sich um ein vollständig neues Aggregat und zugleich um den zweiten Motor mit SPCCI-Technologie, über die wir bereits mehrfach berichtet haben.
Technische Daten liegen noch nicht vor. Mazda verspricht allerdings einen Verbrauch auf dem Niveau des Vierzylinder-Skyactiv-X, der im Mazda3 und CX-30 eingesetzt wird.
Der «Super-Diesel» ist die grosse Überraschung
Neue Motorenfamilien sind inzwischen eine Seltenheit. Noch ungewöhnlicher ist es, über neue Dieselmotoren zu sprechen – insbesondere über einen Sechszylinder.
Mazda vertraut weiterhin auf die Dieseltechnik, und zwar nicht nur aus den bereits genannten Gründen. Es gibt noch einen sehr konkreten weiteren Aspekt: Im Heimatmarkt Japan führt Mazda mit dieser Antriebsart die Verkaufsranglisten an.
Mit dem 2.2 Skyactiv-D des Mazda CX-5 konnte die Marke die dortigen Emissionsvorschriften erfüllen und zugleich eine realistische Alternative für Kundinnen und Kunden anbieten, die niedrigere Betriebskosten suchen.
Nun «legt» Mazda mit einer Weiterentwicklung dieses Motors «noch eins drauf»: ein Sechszylinder-«Super-Diesel» mit 3,3 l Hubraum.
Wir fragten Joachim Kunz, weshalb dieser Dieselmotor mit 300 cm³ mehr Hubraum als der Skyactiv-X-Benzinmotor mit Miller-Zyklus ausgestattet ist. Ausschlaggebend war erneut das thermodynamische Verhalten.
Obwohl die Anforderungen der künftigen Euro-7-Norm – jenes Regelwerks, das die zulässigen Emissionsmengen von Verbrennungsmotoren in der EU festlegt – noch nicht bekannt sind, zweifelt Joachim Kunz nicht daran, dass dieses neue Aggregat sie vollständig erfüllen wird.
Uns bleibt abzuwarten, ob sich Mazdas Strategie als Shōsha («Siegerin») oder als Kamikaze («selbstmörderisch») erweist.
Die Erfahrung zeigt: Mazda weiss normalerweise, was es tut. Wird sich die Geschichte erneut wiederholen?






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen