Einer meiner Lehrer versuchte einmal eine Zeit lang, die Klasse dazu zu bewegen, seine abendlichen Korrekturmarathons mit etwas „revisionistischer“ Geschichte weniger unerquicklich zu machen. Gemeint ist im Grunde jene akademische Schwarze Magie, bei der eine lange akzeptierte Annahme infrage gestellt wird.
Vielleicht waren die Generäle Grossbritanniens im Ersten Weltkrieg keine unfähigen Esel, die Löwen anführten. Möglicherweise setzten sie lediglich bewährte Taktiken in einer Welt ein, in der plötzlich neue Erfindungen wie Maschinengewehre und Giftgas vorhanden waren.
Man könnte auch behaupten, der Kapitän der Titanic sei kein leichtsinniger Geschwindigkeitsfanatiker gewesen, der für Schlagzeilen in Zeitungen Tausende Menschenleben aufs Spiel setzte. Vielleicht war er ein erfahrener Seemann, der sich an das damals übliche Vorgehen hielt, als er mit voller Fahrt in ein Eisfeld dampfte.
Fotografie: Olgun Kordal
Es macht eben Spass, gegen den Strom zu schwimmen: festgefahrene Klischees und Eigeninteressen über Bord zu werfen und allen zu erklären, dass sie sich eigentlich irren. Vielleicht – kaum auszudenken – ist der BMW M5 der Generation E39 gar nicht die beste Superlimousine aller Zeiten. Man soll seine Helden eben nie treffen.
BMW M5 E39 und sein legendärer Ruf
Der dritte Wagen, der jemals M5 hiess, kam 1999 auf den Markt. Ich war damals acht und daher vor allem mit Pokémon-Karten beschäftigt. Als seine Produktion 2004 endete, nahm ich ebenfalls kaum Notiz davon. Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass praktisch jedes Modell der E39-Familie als eine Art viertüriger Limousinen-Gott verehrt wurde. Bei seiner Einführung hatte er die Konkurrenz als Beste seiner Klasse deklassiert, bei seiner Ablöse galt er noch immer als Massstab – und wurde, peinlich für München, sogar deutlich lieber gesehen als der kantigere 5er, der ihm nachfolgte.
Erst Ende 2024 begegne ich ihm endlich selbst. Eigentlich müsste er hoffnungslos veraltet wirken: Gerade einmal 400 PS für eine Superlimousine. Selbst Schrägheckmodelle von Audi und Mercedes bieten heute mehr. Ein manuelles Getriebe! Keine adaptiven Dämpfer. Apple WasPlay? In der Mittelarmlehne sitzt eine winzige Halterung für ein Klapphandy. „Hello Moto.“
Der E39 zeigt, dass ein stimmiges Fahrwerk einen Katalog streitbarer Optionen übertrumpft
Er wirkt also auf liebenswerte Weise primitiv. Doch es gibt auch clevere Neuerungen. Damit der Schlüssel weder verloren geht noch in der Mittelkonsole klappert, besitzt die Lenksäule eine raffinierte Aufnahme. Dreht man sie, startet sie sogar den V8. Genial.
V8, Fahrwerk und die eine richtige Abstimmung
Und was für ein V8 das ist. Es ist der erste von M, er dreht bis 7.500 U/min – sobald die gelben Aufwärmlichter in den ikonischen klaren Instrumenten erlöschen – und liefert ein kostspielig klingendes, bösartiges Grollen sowie derart viel Drehmoment, dass man Kreuzungen im vierten Gang verlassen kann. Mit 1,8 Tonnen ist dieser M5 selbst nach heutigen Massstäben kein Leichtgewicht. Habe ich Turbolader vermisst? Oder eine Hybrid-Boost-Strategie? Ach bitte. Und während unserer traumhaften gemeinsamen Woche lag sein Verbrauch nie über 14,1 l/100 km.
Den Motor und die etwas langwegige Schaltung mit ihrem beleuchteten Schaltknauf habe ich sofort ins Herz geschlossen. Was ich seither aber wirklich vermisse, ist ein Performance-Auto mit diesem Fahrkomfort. Dieser Wagen entstand als letztes deutsches Performance-Auto vor der Vorherrschaft der Fahrmodi. Der wunderbar ausgewogene, unendlich zugängliche und herrlich geschmeidige E39 beweist innerhalb weniger hundert Meter, dass eine sorgfältig abgestimmte Einstellung meistens besser ist als ein Menü voller diskutabler Optionen.
Liegt es an der Unsicherheit von BMW oder an der Vorliebe der Autokäufer für extreme Statussymbole, dass M heute kein Auto dieser Art mehr bauen kann? Etwas, das derart elegant zurückhaltend und zugleich gründlich durchkonstruiert ist? Menschen, die über Autos schreiben, wollen stets das fehlende Bindeglied zwischen den Wagen von gestern und heute entdecken. Ehrlich gesagt konnte ich kaum etwas finden, das ein modernes M-Modell mit diesem Höhepunkt verbindet. Abgesehen von der etwas leblosen Lenkung – trotz eines Lenkrads, das tatsächlich für menschliche Hände entworfen wurde – folgt dieses Auto völlig anderen Grundsätzen.
Verdammt. Ich bin selbst einer dieser Nostalgiker geworden. „Früher war alles besser.“ Das halte ich für kurzsichtig, und moderne M-Modelle wie den M3 Touring und den M2 mag ich sehr. Trotzdem hinterlässt es bei mir ein Gefühl des Verlusts, dass der E39 M5 nun, da ich ihn kennengelernt habe, als beste Superlimousine gelten wird, die ich je gefahren bin. Hoffentlich stellt irgendwann etwas diese Annahme infrage.






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen