Ferrari hat den Namen Testarossa für den Nachfolger des SF90 Stradale wiederbelebt. Anders als der letzte Testarossa von 1984 besitzt der neue Wagen jedoch keinen V12: Ein Biturbo-V8 ist Teil eines Plug-in-Hybridsystems.
Für die Kontroverse und zahlreiche Diskussionen sorgen allerdings weder die geringere Zylinderzahl noch die Elektrifizierung des neuen Testarossa. Stein des Anstoßes ist vielmehr die Aussage, dass das Modell von 1984 einen V12 und keinen Zwölfzylinder-Boxer oder Flat-12 besitzt. Zugegeben: Das Design des neuen 849 Testarossa hat noch deutlich mehr Kommentare und Diskussionen ausgelöst …
Ferrari Testarossa: V12 oder Boxer?
Die Frage nach der tatsächlichen Bauart des Zwölfzylinders im Testarossa ist älter als das Auto selbst. Mit der Rückkehr des legendären Namens hat sie erneut an Fahrt aufgenommen – eine gute Gelegenheit, diesen Punkt ein für alle Mal zu klären.
Auf den ersten Blick wirkt der Motor des Ferrari Testarossa tatsächlich wie ein klassischer Boxer: ein Triebwerk mit zwölf horizontal gegenüberliegenden Zylindern. Optisch erinnert nichts an ein „V“. Seiner Form nach lässt er sich zwar als Flat-12, also als flacher Zwölfzylinder, bezeichnen. Technisch ist er aber kein echter Boxer, sondern ein V12 mit 180 Grad Zylinderwinkel.
Dass es sich nicht um einen Boxermotor handelt, bestätigte Mauro Forghieri, früherer technischer Direktor der Scuderia Ferrari von 1962 bis 1971 und von 1973 bis 1987:
„Nennt ihn nicht Boxer. Genauer ist die Bezeichnung flacher Zwölfzylinder. Oder, wenn ihr wollt, ein Zwölfzylinder mit einem V von 180 Grad.“
Mauro Forghieri, zitiert aus dem Buch „Ferrari Engines“ (2019) von Francesco Reggiani und Keith Bluemel
Wie sich der Testarossa-V12 vom Boxer unterscheidet
Was unterscheidet diesen Motor also von einem Boxer, wie er etwa im Porsche 911 oder in Subaru-Modellen zu finden ist? Entscheidend ist ein Unterschied in der Funktionsweise des Testarossa-Motors, der ihn den V-Motoren und nicht den Boxern zuordnet: die Pleuelzapfen und die Frage, ob sich Kolben diese teilen oder nicht.
Bei einem echten Boxermotor besitzt jeder Kolben seinen eigenen Pleuelzapfen. Gegenüberliegende Kolben bewegen sich deshalb synchron und erreichen den oberen und unteren Punkt gleichzeitig. Das sorgt für einen perfekten Ausgleich, ermöglicht eine leichtere Kurbelwelle und erzeugt den charakteristischen Klang, den man von diesen Modellen kennt.
Der Motor des Ferrari Testarossa von 1984 funktioniert anders: Hier teilt sich jedes Paar gegenüberliegender Kolben einen Pleuelzapfen. Erreicht ein Kolben den oberen Totpunkt, befindet sich sein Gegenüber am unteren Totpunkt – beinahe wie beim Armdrücken zwischen den Zylindern. Das ist typisch für einen V-Motor, auch wenn die beiden Zylinderbänke dieses Zwölfzylinders einen Winkel von 180 Grad bilden.
Trotz dieses technischen Unterschieds hatte Ferraris Flat-12 mit den Boxermotoren einen Vorteil gemeinsam: Er ließ sich für einen niedrigeren Schwerpunkt sehr tief im Motorraum einbauen. Beim Testarossa wurde dieser Vorteil allerdings nicht ausreichend genutzt, weil der Motor über dem Getriebe angeordnet war.
Ferrari trägt zur Verwirrung bei
Die Verwirrung um die Bauart des Testarossa-Zwölfzylinders besteht seit Jahrzehnten und reicht sogar vor die Vorstellung des Testarossa zurück: Der Motor kam bereits in den 1970er-Jahren auf den Markt. Zu den Hauptverantwortlichen für das Missverständnis zählt Ferrari selbst.
Das erste Straßenauto mit diesem 180-Grad-V12 war nämlich der 365 GT4 BB, der 1973 erschien. Damals stand „BB“ für „Berlinetta Boxer“ – ein Hinweis auf Karosserie und Motor. Heute ist bekannt, dass die Buchstaben BB tatsächlich eine andere, weniger politisch korrekte Bedeutung haben. Die gewählte offizielle Erklärung war dennoch irreführend.
Auf den 365 GT4 BB folgten die 512 BB/BBi, die den „Irrtum“ in ihrer Bezeichnung beibehielten. 1984 erschien schließlich der Testarossa, aus dem später der 512 TR und der F512 M hervorgingen. 1996 endete die Produktion.
Auch der Flat-12 wurde mit jedem Modell weiterentwickelt. Im 365 GT4 BB trug er zunächst die Kennung F102 und basierte zu großen Teilen auf dem 60-Grad-V12, dem berühmten Colombo. Im 512 BB erhielt er die Bezeichnung F110; mit dem Testarossa kamen ein Mehrventil-Zylinderkopf und die Kennung F113 hinzu. Am Anfang standen 4,4 Liter Hubraum (F102) und 340 PS, am Ende 4,9 Liter (F110, F113) und 440 PS. Ein Saugmotor blieb er während der gesamten Zeit.






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