Binnen nur einer Woche wurde uns gezeigt, wie die Zukunft deutscher Auto-Innenräume aussehen soll. Vorbei sind die Zeiten, in denen Audi, BMW und Mercedes jede Bewegung der Konkurrenz bis zum Klicken des Lautstärkereglers analysierten.
Der neue Audi Concept C – wie man hört, zu 95 Prozent der kommende TT –, der serienreife BMW „Neue Klasse“ iX3 und der brandneue Mercedes GLC EV stürmen jeweils in völlig unterschiedliche Richtungen. Jede Marke ist überzeugt, damit das Innenraum-Paradies gefunden zu haben: sämtliche Technik, Informationen, Luxus, Sicherheit und natürlich Unterhaltung, die man sich wünschen kann.
Mercedes GLC EV und BMW iX3: Displays ohne Ende
Mercedes setzt konsequent auf die Hyperscreen-Ära und bringt ein neues Mega-Display, das nicht mehr bloss aus drei grossen Bildschirmen unter einer Glasfläche besteht. Nein: Jetzt gibt es eine 39,1-Zoll-Pixelfläche, die von mehr als 1.000 LEDs hinterleuchtet wird.
Laut Mercedes erkennt der Bildschirm, wohin man gerade blickt – vielleicht ja auf die Strasse? – und regelt die Helligkeit des riesigen Displays automatisch hoch oder herunter. Ob es sich, ähnlich wie der bisherige Hyperscreen, unangenehm stark erwärmt, wurde noch nicht verraten. Ebenso wenig ist klar, was mit dem übrigen Bildschirm geschieht, sobald Apple CarPlay oder Android Auto verbunden werden.
Während Mercedes alles auf einen einzigen Bildschirm setzt, hat BMW offenbar einen grossen Container bestellt und alles entsorgt, was man bisher über BMW-Innenräume wusste. Das iDrive-Drehrad? Weg. Der schlanke, gebogene Bildschirm oben auf dem Armaturenbrett? In gewisser Weise noch vorhanden, nun aber eher ein schmaler Streifen nach Art eines Head-up-Displays mit sechs individuell konfigurierbaren Widgets. Und der zentrale Touchscreen folgt ganz der Tesla-Schule: riesig, mittig platziert und sechseckig. Bildschirm-Überbietung in neuen Dimensionen.
Für Heizung oder Fahrmodi gibt es keinerlei physische Schalter. Das Lenkrad wirkt, als wäre es auf einen Stahlträger gespiesst worden, und ist mit offenbar berührungsempfindlichen Tasten bestückt, die nichts Gutes ahnen lassen. Das Ganze sieht stark nach Konzeptauto aus. Doch es handelt sich um das Serienmodell: Es kommt Anfang nächsten Jahres in den Handel, mit eigenem App Store und zu einem Preis ab knapp £60.000.
Audi Concept C: bewusst zurückhaltender Innenraum
Hier passiert etwas Seltsames. Mercedes und BMW haben SUV für den Schulweg präsentiert, die bereits bereit für den Schauraum sind und Fahrgastzellen wie aus dem Jahr 2200 besitzen. Audi versucht dagegen, mit einem Konzeptauto die Schlagzeilen zu erobern – und dazu noch mit einem sportlichen, offenen Zweitürer. Ausserdem ist es der erste neue Audi, dessen Formensprache vom neuen Designchef stammt. Man würde also etwas Radikales, Wildes und vollkommen Abgehobenes erwarten.
Genau das ist es auch. Denn Audis Konzeptwagen besitzt den Innenraum eines Autos von vor zehn Jahren.
Der Concept C hat ein rundes Lenkrad; die einzigen Tasten daran sind aus Metall und machen beim Drücken „Klick“. Der Bildschirm für die Fahreranzeigen ist nicht grösser als jener des alten TT. Und der zentrale Touchscreen? Er misst ungefähr so viel wie eine Laptop-Tastatur und verschwindet im Armaturenbrett, wenn er nicht gebraucht wird.
Gestensteuerung gibt es keine. Auch keine 3D-Hologrammprojektionen, wie sie für den iX3 angekündigt wurden. Der Concept C könnte kaum weiter entfernt sein vom Fünf-Bildschirm-Multiplex des A6 e-tron mit seinen albernen virtuellen Aussenspiegeln und dem überflüssigen Beifahrerdisplay.
Der Audi gewinnt also keine Preise dafür, sich wie ein Raumschiff anzufühlen. Nicht einmal besonders futuristisch wirkt er. Man könnte morgen einen Freund damit abholen, ohne dass dieser das Cockpit kommentieren oder bewundern würde. Im BMW oder Mercedes hingegen würde er wischen, zeigen und versehentlich den Ex-Partner anrufen.
Warum Audi beim Concept C auf weniger Bildschirm setzt
Eine Theorie dazu: Audi hat im vergangenen Jahr einen chinesischen Klon seiner selbst gestartet, der „AUDI“ heisst. Die Fahrzeuge tragen nicht die vier Ringe. Es sind durchwegs grosse Elektro-Limousinen mit Touchscreens von Wand zu Wand und dem ganzen Charakter einer Selbstbedienungskasse im Supermarkt – und sie werden nie auf europäischen Strassen unterwegs sein.
BMW und Mercedes bauen weiterhin Autos, die überall funktionieren müssen. Weil der chinesische Markt riesig und ausgesprochen technikbegeistert ist, stehen Bildschirmfläche und digitale Bordassistenten an erster Stelle. Der Mercedes und der BMW dürften bei einem Stau interessante Orte zum Verweilen sein. Von diesen drei Innenräumen ist jener des neuen Audi aber der einzige, mit dem ich fahren möchte...






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