Für den englischen Abschnitt dieses vierteiligen Roadtrips, der 400 Ausgaben des TopGear-Magazins würdigt, hätten wir eine malerische Strecke durch den Peak District oder über die North York Moors wählen können. Selbst mit dem Limit von 161 Kilometern wäre eine Tour durch den Lake District und über die Pennines in einem Zug möglich gewesen. Stattdessen stehen Fotograf Olgun und ich an einem Dienstagabend im tiefsten, düstersten Osten Londons. Nun ja.
Hinter dem Wahnsinn steckt ein Plan. Zwischen Betrunkenen hindurch und angetrieben von nachhaltig produziertem Flat White für 9 Pfund beginne ich unsere Jubiläumsfahrt bewusst im Queen Elizabeth Olympic Park. Ausgabe 201 des TG-Magazins erschien im Februar 2010, als London sich gerade auf Olympische Spiele vorbereitete, die in Erinnerung bleiben sollten. Ausserdem sind Sommerferien – im Norden hätte ich vermutlich ohnehin nur Wohnwagen und TentBox-Crossover umkurven müssen.
Ford Fiesta ST200 und der Beginn der 2010er-Jahre
Auch für die Autowelt waren die ersten Jahre der 2010er bemerkenswert. Nach gefühlt 987 Jahren Entwicklungszeit ging der Lexus LFA endlich in Serie. Aston Martin rahmte sein Modellprogramm mit dem grossartigen One-77 und dem eigenartigen Cygnet ein. Tesla stellte der Welt das Model S vor, Lamborghini enthüllte den Aventador, und Pagani bescherte uns den Huayra – obwohl die Marke 2025 offenbar noch immer nicht aufhören kann, am Zonda herumzubasteln. BMW verpasste dem M5 erstmals einen Turbomotor, während McLaren mit dem MP4-12C zurückkehrte und anschliessend ein Drittel der Heiligen Dreifaltigkeit folgen liess.
Fotografie: Olgun Kordal
Trotzdem fällt mir für diesen nächtlichen Abstecher durch die Hauptstadt kaum ein passenderes Auto ein als den kleinen Fiesta ST. Ford enthüllte diese Generation des Hatchbacks auf Basis des Kleinwagens Fiesta MkVI 2012 auf dem Genfer Autosalon. Gewiss, manche bezeichnen ihn als Fiesta MkVII – allerdings nur, wenn der überarbeitete MkVI bereits als völlig neue Generation zählt. Der ST schickt die Kraft seines turboaufgeladenen 1,6-Liter-Vierzylinders über ein Sechsgang-Schaltgetriebe an die Vorderräder. Und erst das Fahrwerk. Oh, dieses Fahrwerk.
Unsere Flucht aus London auf der Suche nach Strassen, auf denen sich dieser kleine Rabauke richtig ausleben kann, beginnt mit einem kurzen Fotohalt beim ehemaligen Ford-Werk in Dagenham. 1931 rollte hier der erste Ford-AA-Lastwagen vom Band, ehe das Werk beinahe 11 Millionen Fahrzeuge fertigte. Der letzte in Grossbritannien gebaute Fiesta wurde 2002 fertiggestellt. Seither konzentriert sich der Standort weitgehend auf die Produktion von Dieselmotoren, diente jedoch auch als geheimer Probenort für Danny Boyles eindrucksvolle Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012.
Obwohl der Zugang vereinbart wurde, will die private Sicherheitsfirma an den Toren von meiner wehmütigen Team-GB-Mystery-Tour nichts wissen. Zu spät in einem Fiesta aufzutauchen und ein „Nicht heute Abend, Jungs“ zu hören? Das fühlt sich an wie meine Teenagerjahre in den 2010ern – nur dass sich damals die meisten meiner Freunde höchstens einen gebrauchten 1.25 MkV in der einfachen Ausstattung Finesse leisten konnten.
Auf Umwegen aus London
Die M25 ist gesperrt. Für einen Roadtrip, der eigentlich von Traumstrassen handeln soll, ist das nicht die schlechteste Nachricht, zwingt uns aber zu einem Umweg über Hornchurch und Upminster. Die meiste Zeit verbringen wir damit, den Möchtegern-Rennfahrern aus Ostlondon und Essex auszuweichen. Ein schneller Ford besitzt in dieser Gegend allerdings nicht mehr ganz den Stellenwert von früher. Günstige Leasingangebote haben sie alle in M4, RS3 oder sogar G-Klassen im AMG-Trimm befördert.
Die Fahrdisziplin lässt deutlich zu wünschen übrig, doch wir schlüpfen vergleichsweise unbeachtet hindurch und landen auf einem erzwungenen Abschnitt der A12. Der späte Start zahlt sich aus: Auf dem Weg zum Nachtquartier ist sie erfreulich leer. Olgun hat allerdings den ganzen Tag in einem Studio fotografiert und nutzt den Recaro-Beifahrersitz für ein Nickerchen – trotz des straffen ST-Fahrwerks und obwohl der Motor bei Autobahntempo mit 3.000 U/min dreht.
Am nächsten Morgen haben sowohl Adleraugen als auch Kurzsichtige wohl längst bemerkt, dass es sich tatsächlich um einen besonderen Fiesta ST200 handelt. Zum Abschied der MkVI-Baureihe bekam er eine kürzere Gesamtübersetzung – daher die eingeschränkte Langstreckenruhe –, einen steiferen hinteren Torsionslenker, zugleich aber weichere Federn und eine darauf abgestimmte überarbeitete Vorderachse. Dazu kam ein praktischer Leistungszuwachs auf 212 PS bei vollem Overboost. Der Neupreis von £22.745 umfasste die Lackierung in Storm Grey, schwarze Felgen und zusätzliche Embleme, machte ihn 2016 jedoch teuer: Gerade einmal fünf Pfund weniger als damals ein Focus ST.
Den ST200 fuhren wir erstmals im August 2016. Nun wird mir klar, dass ich nicht bloss Grossraum London hinter mir lasse, um kurvige Landstrassen zu finden, sondern auch, um weitere bildliche Anspielungen auf Weltereignisse zu vermeiden, die später in diesem Jahrhundert der TG-Ausgaben folgten. Dieselgate, Brexit und Steakgate erschütterten 2015 und 2016 jeweils ihre ganz eigenen Bereiche der Welt. Vielleicht sollten wir uns lieber auf die aussergewöhnlich direkte Lenkung des Fiesta und sein spielerisches Heck mit angehobenem Innenrad konzentrieren, während wir über die B1022 nach Colchester und anschliessend auf Nebenstrassen nach Ipswich fahren.
„Diese ST-Generation kam in einer Zeit voller Konkurrenz auf den Markt und stellte alles, was sie herausforderte, mühelos in den Schatten“
Über die direkte Schnellstrasse wären wir rascher ans Ziel gekommen, doch auf kurvigen Strecken glänzt der Fiesta: Das kurzwegige Getriebe flutscht durch die Gassen, und in der zweiten sowie dritten Stufe drückt der Kleine kräftig an. War das die Hochphase der Hot Hatches? Der nachfolgende Fiesta ST mit Dreizylinder und der aktuelle Civic Type R FL5 könnten dazu etwas zu sagen haben. Diese ST-Generation trat jedoch gegen reichlich Konkurrenz an und deklassierte alles, was sich ihr entgegenstellte.
Das einzige echte Problem: Der Tag ist brütend heiss, und die Klimaanlage dieses speziellen Autos – das Ford noch immer als Teil seiner hervorragenden Heritage-Sammlung besitzt – funktioniert irgendwie schlechter als die Lüftung in Jasons Ferrari. Wir halten zum Tanken und kaufen die nostalgischsten Erfrischungen, die aufzutreiben sind: ein originales Lucozade und einen Yorkie. Letzterer trägt seit 2012 nicht mehr den Slogan „not for girls“.
Mit dem Ford Fiesta ST200 an die Nordsee
Hinter Ipswich nehmen wir eine reizvolle Route durch Suffolk, die durch die hervorragend benannten Orte Helmingham, Framlingham und Saxmundham führt. Dafür darf man den Angelsachsen danken. Wegen einer Strassensperre überschreiten wir unser selbst gesetztes Limit von 161 Kilometern leicht, doch schliesslich endet der Asphalt und die Nordsee beginnt. Noch ein schnelles Foto, dann steht die Rückfahrt an. Ich glaube, ich nehme den langen Weg nach Hause ...
Ford Fiesta ST200
Neupreis/heute: £22.745/£12.000
Antrieb: 1.596 cm³ grosser Turbo-Vierzylinder, 212 PS, 320 Nm
Getriebe: 6-Gang-Handschaltung, Frontantrieb
Fahrleistungen: 0–100 km/h in 6,7 Sek., 230 km/h
Verbrauch: 6,1 l/100 km, 140 g/km CO2
Gewicht: 1.163 kg






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